Blickfang Zürich 2011

Kalte Füsse vor dem Event

Dass die meisten Messen, Ausstellungen und Vernissagen im Winter stattfinden, macht grundsätzlich Sinn. Im Sommer sind die Leute ja eher mit Glace essen, Sonnenbaden und dem Präsentieren der neusten Sonnenbrillenmodelle beschäftigt. Die eisige Kälte, von der ich beim Aussteigen am Zürcher Hauptbahnhof empfangen wurde, erinnert mich jedoch wiederum daran, dass ich grundsätzlich Sommertemperaturen bevorzuge, wenn ich meine Reise an einen Event antrete.

                                       Lucy in the sky

Der Weg zum Kongresshaus führte mich unweigerlich an der Bahnhofstrasse und somit an seiner neuen Weihnachtsbeleuchtung „Lucy“ vorbei. Natürlich ist sie nicht wirklich neu. Jedoch wird es wahrscheinlich noch zehn Jahre dauern, bis ich diese Beleuchtung als „nicht mehr neu“ einstufe. Wir Schweizer sind schliesslich Gewohnheitstiere. Die Kritik, welche „Lucy“, trotz ihrer Vorgängerin, der Neonröhren-Schocker-Beleuchtung, einkassieren musste, scheint ihre Leuchtkraft nicht beeinträchtigt zu haben. Sie zog mich, wie letztes Jahr schon, in ihren Bann. Es kam mir vor, als würde ein geheimnisvoller Glitzerteppich, sich den Weg zwischen Häusern und Bäumen hindurch bahnen um am Ende im tiefblauen Nachthimmel wieder zu verwinden. Das ältere Ehepaar neben mir, welche sich gerade über die Beleuchtung unterhielt, bestätigte unwissend meine Gedanken. Die Kälte, welche sich unter meine Kleider schlich, liess mich nicht lange in meiner Märchenwelt schwelgen und ich war froh als nach gefühlten 6 Stunden, es waren 6 Minuten, endlich das 11er Tram in Richtung Bürkliplatz eintraf.

Designer versuchen sich im Spagat zwischen Traditionellem und Futuristischem

Im Kongresshaus war es mangels Garderobe und mehr als zwei Armen, eher heiss. Doch munterte ich mich selbst wieder auf, durch das Abschleppen mehrerer Fachzeitschriften, welche den Besuchern gratis zur Verfügung standen. Meine Runde durchs Parterre begann am Ausstellungsplatz der Interiorgestalter, welche im Rahmen von „blickfang selected“ am Freitag, den 25. November vorgestellt worden waren. „Blickfang selected“ bot dem jungen, talentierten, internationalen Design-Nachwuchs die Möglichkeit sich einem breiten Publikum zu präsentieren.
                                          Moderne Vasen vom Koreaner Jaeuk Jung
Daneben tat sich eine leuchtende Lampenwelt auf, welche durchmischt mit Wohnaccessoires ausgestellt war. Wobei die heutigen Lampen auch eher Accessoire als Lichtquelle sind und somit, wie die meisten heutigen Wohnungsgegenstände, eine Schnittstelle zwischen Funktion und Dekoration bilden. Der neuste Hype, welcher sich danach im zweiten Stock bestätigte, sind scheinbar Betonelemente in Kombination mit Milchglas-Lampen oder LED-Spots. Als letztes landete ich bei den Möbelstücken. Ob bei Beistelltischen, Wandregalem, Liegen oder Stühlen, Holz in Naturfarbe und Glas dominierten.

Ebenfalls im Parterre befand sich der Barbereich, welcher im modernen Alphütten-Stil gehalten war. Von der Decke baumelten Hirschgeweihlampen. Darunter tummelten sich rustikale Tische neben Holzstamm-Hockern mit Fell- oder Stoffüberzug. Die einzige Wand des offenen Barbereichs war ebenfalls mit Hirsch-, Gams- und Steinbockköpfen, sowie mit Geweihen der selbigen Tiere übersät. Obwohl sich das Ganze durch das viele Licht über den Tischen und den angeregten Unterhaltungen der Menschen darunter, als eine ziemlich lebhafte Szene präsentierte, war mir diese Grösse an Tierfriedhof etwas zu viel des Guten.

Hasen und Vögel mit süssen Blähbäuchen und dicken Hintern

Im ersten Stock reihten sich weitere Wohnaccessoires an Geschirr und Kleideraccessoires. Ich musste nicht lange suchen, um meine geliebten „buttoneyes“ am Stand von Hersteller Marco Scheidegger  anzutreffen. Dabei handelt es sich um Fabelwesen aus Stoff, welche einen mit ihren grossen Knopfaugen das Herz erwärmen. Weiter ging’s zu SibylleSaara, einem Schweizer Label. Zur Schau gestellt wurden wunderschöne handgefertigte Porzellangefässe mit Tierabbildungen. Während ich die Tassen und Eierbecher aus der Nähe bertachtete, erklärte eine der Designerinnen einer Besucherin gerade, dass sie diejenige im Team sei, welche die Tiere von Hand auf die Gefässe male, während ihre Kollegin für die Herstellung der Gefässe verantwortlich sei.
   
 Geschirr von Sibyllesaara

Länger stehen blieb ich auch beim Stand von Estelle Gassmann, welche von ihr gefertigte Gläser, Teller und Schüsseln aus Glas, Porzellan, Plastik und Zucker-Tragant zeigte.  Auch hier war die Schere zwischen Funktion und Kunstobjekt wider weit geöffnet. Die einzelnen Stücke harmonierten sehr gut miteinander, vielleicht gerade weil es sich bei jedem um ein Einzelstück handelte. An jungendlichem Plastikmodeschmuck, bunten Teppichen, allen möglichen Arten von Handtaschen, lässigen Sonnenbrillen, wunderschönen Strickhandschuhen vorbei, kam ich schliesslich noch bei Charlotte Wooning vorbei. Sie stellt wunderschöne Mettalkettchen her, welche mit verschiedenfarbigen Perlen, verschieden grossen Kettengliedern und Kettenformen, zum wahren Hingucker werden. Bei ihr hatte ich letztes Jahr zusammen mit meiner Mutter, die übrige Kundschaft verwirrt, weil wir uns lautstark auf Niederländisch mit ihr unterhielten. Nach dem netten Gespräch, letztes Jahr, war ich stolze Besitzerin eines ihrer Schmuckstücke. Ich liess mir zudem noch ein zweites, direkt aus den Niederlanden herschicken, da sie ein Kettchen, welches ich begehrte, nicht in der von mir gewünschten Länge dabei hatte.

In Begleitung einer Vogelschar ging‘s im Hagelschauer dem Bach entlang

Als ich endlich beim Ausstellungsbereich angelangt war, der mir persönlich am meisten Herzhüpfen verursacht, brauchte ich zuerst mal eine kurze Verschnaufpause. Dank sei zwei vollgestopften Taschen, Notizbuch und griffbereitem Stift, hatte ich schon nach vierzig Minuten Krämpfe in beiden Armen. Ein rosaroter Pfeil auf dem Boden wies mir den Weg zur „Fashion Lounge“. Ich setze mich auf eine der Stufen des kurzen Treppenabsatzes, welcher zur Fläche führte auf der sich die Lounge befand. Sie präsentierte sich eher langweilig. Ein riesiger hellgrauer Teppich grenzte den Loungebereich ein. Auf ihm standen asymmetrische Polsterelemente neben tiefen Tischchen auf Steckenbeinchen. Die Loungeeinrichtung wirkte unter der hohen Decke eher verloren, als einladend. Die Gespräche in der Lounge glichen auch mehr einem leisen Getuschel. Da war mir die Atmosphäre der Alphütte im Parterre doch noch lieber.

Nach der kurzen Pause setzte ich meinen Rundgang fort. Von klassischen Basics, über alternativ wirkende Filzkleider, diversen Stoff- und Ledertaschen, eleganten Vintagekleidern zu flauschigen Stricksachen war wirklich für jeden Geschmack etwas dabei. Nachdem ich an vielen mir bekannten Labels, wie Ida Gut, Kleinbasel, Little Black Dress, Amok und Tarzan vorbeikam, hielt ich nach mir Unbekanntem Ausschau.

Als erstes entdeckte ich das Label Hageli von Claudia Hägeli. Zu sehen gab‘s lässig bis elegant bedruckte Foulard, welche teilweise durch Zusammennähen zu einer Art losen Matrosenkragen oder Jabot wurden. Bei Yoshiki von Tülay Kula überzeugten mich ebenfalls abwechslungsreiche Prints bei Oberteilen und Foulards. Die gemusterten Foulards waren frühlingshaft mit Schmetterlingen versehen, die Unifarbenen dagegen mit schönem Spitzeneinfass versehen.
                                 Yoshiki Fashion
Herausgestochen ist auch der Stand des Labels Fink und Star von Lea Schiesser und Nina Lehmann. Die feinen Overalls in Blau oder mit buntem Blumenmuster, welche am Ständer hingen und welche die Designerinnen auch selbst trugen, zogen als erstes meinen Blick auf sich. Nach einem kurzen Gespräch mit einer der Zweien wurde ich persönlich durch die sportlich verspielt und zugleich sehr romantische Kollektion geführt. Mein Liebling war ein weites, weisses Fledermausshirt mit lässigem schwarzen Print und Tunnelzug auf halber Höhe. Die Kleidungsstücke waren reich an schönen Detailarbeiten, wie zum Beispiel mehren Knöpfen am Halsausschnitt zur Veränderung dessen.
                                                  Romantisches von Fink und Star

Zum Schluss schaute ich mich noch in der „Bolero’s Choice #1“- Ecke um, in welcher das Modemagazin „Bolero“ eine Hand voll Designer präsentierte. Gefallen haben mir die Sachen von Only E.T Will Judge Me. Es handelte sich dabei um handgefertigte Haarreifen mit markanten Rosen in unterschiedlichen Grössen, Farben und Materialien.

Daneben tauchte für mich Altbekanntes auf. Das Taschenlabel Griesbach von den Schwestern Griesbach. Trotz herkömmlichem Material Leder, schaffen sie es immer wieder durch überragende Verarbeitung und unkonventionellen Formen zu überraschen. Dabei bleibt völlig unbemerkt, dass die zwei in Winterthur lebenden, sowie arbeitenden Schwestern zu Beginn totale Quereinsteiger waren.

                                    Griesbach Taschen

Manchmal bringen Newcomer eben nicht viel Neues

Oben auf der Galerie angekommen, machte ich mich zum Endspurt bereit. Hier Oben waren auch die Fach- und Hochschulen wie die „Schweizer Textil Fachschule“ oder die „Hochschule Luzern“ vertreten. Die “Hochschule Luzern“ hatte sich mit anschaulichem Material zu den Studienrichtungen Textil-, Objekte und Materialdesign am meisten ins kreative Zeug gelegt.

Auf dem Weg zum Newcomer-Abteil im hintersten Ecken der Ausstellung lief ich noch am Stand eines bekannten Gesichts in der Textilbranche, niemand geringerem als Jakob Schläpfer, vorbei. Natürlich war Herr Schläpfer nicht selbst anwesend, sondern liess durch seine Vertretung die neusten Accessoires, Schals und Colliers  aus seinem Laden „Bambola“ präsentieren.
                                           Lapen von Charaktersachen
Bei den Jungdesignern, Neudesignern oder zu Englisch einfachheitshalber Newcomern angekommen, entdeckte ich nicht viel Neues. Einzige wirklich innovative Idee stammte vom Label Charaktersachen von Moritz Profitlich. Er zeigte unter anderem, äusserst originelle Lampen in Form von Glühbirnen in Weckgläsern. Leider hatte der, aus Konstanz angereiste  Deutsche, einen etwas unglücklichen Ausstellungsplatz in der hintersten Ecke bekommen.

Mein Fazit der diesjährigen Messe lasse ich aus, zitiere jedoch zum Schluss Paulchen, der rosarote Panter: „Heute ist nicht alle Tage, ich komme wieder keine Frage!“.

Vögele Fashion Day Zürich 2011

Ein heiterer Empfang

Den Modeevent zu finden war nicht sonderlich schwer. Auch wenn meine Navigationsfähigkeiten minim sind. Den Plan mit der Wegbeschreibung brauchte ich nur bis zur ersten Abzweigung. Denn nach dieser liefen mir schon die ersten Töchter und Freundinnen, eingehakt bei Müttern und Freunden, auf zu hohen Stöckelschuhen und zu dünnen Strumpfhosen für diese Jahreszeit, entgegen.

Am Eingang des Puls 5, welches sich im neuernannten Zürcher Szeneviertel nahe des Escher-Wyss-Platzes befindet, standen die Fotografen so dicht gedrängt, dass es schon fast unangenehm war, sich an ihnen vorbei zu drücken. Da ich im Gegensatz zu den Fotografen 120.- Franken bezahlt hatte um an diesem Event teilzunehmen, fand ich es eine Frechheit, mir den Eingang freischaufeln zu müssen. Roberto Cavalli hin oder her.

Dafür freute es mich 20 Minuten vor Showbeginn schon vor Ort zu sein. Denn ich brauche immer einige Minuten mich in dieser parfümgeschwängerten Luft in Kombination mit herumfliegenden Makeup-Schlieren von gestressten Leuten, zurecht zu finden. Auch hier laufen die Leute nicht anders rum als die, denen ich schon zuvor begegnet bin. Die meisten der Anwesenden vergessen wohl, dass nicht sie bald auf dem Laufsteg stehen werden, sondern Models, welche nicht die Zeit haben sich mit den teuren Fetzen, welche sie präsentieren zu identifizieren und denen zudem das schmerzverzerrte Gesicht, beim Tragen zu hoher Schuhe, abtrainiert wurde.

10 Minuten später bin ich auf meinem Sitzplatz angekommen. Reihe 6, gute Aussicht, darüber kann ich mich nicht beklagen. Jedoch muss ich leider bemängeln, dass winzige Plastikbestuhlung, nicht geeignet ist, wenn man im Winter gerne dicke Jacken trägt, welche man dann nirgends verstauen kann. Zudem hämmerte mein schlechtes Gewissen gegenüber den 120.- Franken wider auf mich ein, als ich mit meinen Sitznachbarn vertraut gemacht wurde, welche eine Vorliebe für Ellbogenstösse und Schuhspitzentritte hatten. Als Dankeschön fürs nicht Entschuldigen, schnäuzte ich mich dafür ausgiebige 10 Minuten lang. Jedoch muss ich zugeben, dass ich dem Puls 5 die nicht einladende Sitzgarnitur schnell verzieh. Diese erinnerte mich nämlich an meine erste Modenschau, den Swiss Textile Award, die in der Toni Molkerei stattfand. Ein Hauch nostalgischer Gedanke dämmt bei mir glücklicherweise alle Anflüge schlechter Laune. Ich freute mich auf den Startschuss der Show, wie ein kleines Kind an Weihnachten aufs Geschenke auspacken.

Jedoch wuselten derzeit nur einige Fotographen auf der Bühne umher und versuchten wohl eher durch schlechtsitzende Kleider aufzufallen, als etwas dezent ihren Job auszuüben. 21:15 Uhr zeigte meine Uhr an, als auf der grossen Leinwand, am Beginn des Laufstegs, der Count-Down für den Start losging. Nach kurzer Moderation wurden 4 Kollektionen von Schweizer Modelabels vorgeführt. Darunter befanden sich Little Black Dress, Aziza Zina, Javier Reyes und Van Bery.

Schweizer Modelabels machen den Auftakt

        Little Black Dress macht den Anfang

 
Am besten gefallen hat mir die, als erstes präsentierte Kollektion von Little Black Dress. Welche jedoch selten Anlehnung an den Namen des Labels fand. Die Kleider hatten grösstenteils einen 40er Jahre-Akzent. Knielange, eng anliegende bis körperumspielende Schnitte machten, durch die teilweise sehr kräftigen Farben und luftigen feinen Seidenstoffe, Freude auf den Sommer. Es waren viele Musterungen, von Millefleurs bis zu Fischgrat, anzutreffen. Bei den Unifarben dominierte Rot. Es war eine sehr feminine und doch auch verspielte Kollektion, mit vielen Stücken, welche ich auch gerne meine eigenen nennen würde. Wenn ich nicht mit den Preisen solcher Kleiderstücke vertraut wäre, hätte ich mir glatt eine Weihnachts-Wunsch-Liste vollgeschrieben.

Die Kollektion von Aziza Zina katapultierte mich dafür wieder zurück in den Winter. Gezeigt wurden feine Kammgarn-Mäntel zu Cool-Wool-Kostümen. Dazwischen tauchten Samtblazer neben kecken bis dezenten Abendkleidern auf. Das Ganze wurde mit Pailletten, viel Chiffon und Perlen abgerundet.  Der 20er Jahre-Chic gepaart mit der gespielten Musik machte zwar Lust auf ein flottes Tänzchen auf dem Laufsteg, jedoch hat mich die eher zurückhaltende Kollektion leider nicht ganz aus den Socken gehauen.

Bei den vorgeführten Stücken von Javier Reyes lag der Reiz eher in der häufigen Transparenz als in der Raffinesse der Schnitte. Taillenhosen, weite wallende Chiffonkleider, drapierte Brustpartien bei Abendkleidern, das Alles kam mir bekannt und daher eher langweilig vor. Auch die Farbwahl war eher kein Augenschmaus. Einzig auffindbare Musterungen waren ein bräunlich kartierter Jupe mit ausgefranster Webekannte und ein Kleid mit leicht irritierendem, da asymmetrisch angebrachtem Band, welches sich um Hüfte und Brust schlang.

 
Van Bery macht den Abschluss
                                   
   

Den Schluss machte Van Bery. Die Kollektion erinnerte mich stark an die von Little Black Dress. Leichte Stoffe, blumige Muster, verspielte Formen bis hin zu anliegenden Schnitten. Zudem trugen die Models ebenfalls speziellen Kopfschmuck, der nicht wie meist bei grossen Schauen, von den Kleidungstücken ablenken, sondern sie eher noch unterstrichen. Jedoch waren es bei Van Bery bunte Plastikblumen, welche dieses Mal eher ein Frühlingsgefühl vermittelten, als die sommerlichen, diademartigen Getreidekorn-Reifen von Little Black Dress. Für ein Frühlingsgefühl waren auch, die eher etwas sportlich angehauchten Schnitte verantwortlich. Bei denen die Saumlänge im Vergleich zu den zuvor gezeigten Kollektionen,  etwas nach oben gerutscht war und welche mit schönen Dekolleté- und Rückenausschnitten überzeugten.

Gespanntes Warten auf den Gewinner des „Annabelle Awards“

Nach den gezeigten Schweizer Modelabels blieb nur eine kurze Verschnaufpause, um das eben gesehene auf sich wirken zu lassen. Weiter ging es mit der Präsentation der 5 Finalisten, welche für den „Annabelle Award“ nominiert waren. Der „Annabelle Award“ wendet sich an junge Modetalente und wird seit 2004 durch die Modezeitschrift Annabelle verliehen. Der Award beinhaltet ein einjähriges Praktikum bei einem renommierten Modelabel. Dieses Mal erhielt der Gewinner ein Jahr lang Einblick in das Treiben im Hause von Roberto Cavalli.
Nacheinander wurden die Finalisten zuerst in einem kurzen Film vorgestellt, bevor die zwei Outfits präsentiert wurden, mit denen sie sich für den Award beworben hatten. Auffällig war, dass nur eine einzige Kandidatin sich beworben hatte, auf Grund eines Interessens gegenüber der Mode Cavallis. Alle anderen sahen das Praktikum lediglich als Bereicherung für ihre berufliche Ausbildung.

Zu den Finalisten gehörte Danja Gooch, welche zwei dramatisch angehauchte Stücke vorzeigte. Neben dem schwarzen, gefiederten Ensemble fiel ein weites, flatterndes Kleid mit speziellem Print positiv auf. Darauf folgte Susanne Galliker, welche zwei Kleider präsentierte, bei denen ich ausser der stark dominierenden Farbe Rot, keine Gemeinsamkeiten erkennen konnte. Das eine war im asiatischen Stil, das andere hingegen erinnerte mich durch Drapierungen und Taillengürtel eher an eine Toga. Die Dritte war Franziska Steck. Ihre Teile waren eher schlicht gehalten. Abgesehen vom markanten Reissverschluss in einem Oberteil, waren es eher langweilige Umsetzungen altbekannter Basics.

Outfit von Yvonne Reichmuth
                                                      
Danach kam Yvonne Reichmuth, welche einen ledernes Kleid und eine lederne, wadenlange Hose mit weitem, leicht drapierten Oberteilen zeigte. Die Strenge des Leders bot einen sehr stimmigen Kontrast zur feinen Seide. Die Outfits waren sofort meine Favoriten für den Award. Nicht nur weil sie mir zu Cavallis Linie zu passen schienen, sondern weil ich es eine Kunst finde, Basics in einer neuen Form  zu präsentieren, welche einen an die Vorlage erinnert, aber doch nicht alltäglich wirken.

Stücke von Maxime Rappaz

                                                      
Den Abschluss machte Maxime Rappaz, der einzige Mann der Finalistengruppe. Seine Stücke erinnerten mich stark an die Mode der 20er Jahre. Kurze, vom Schnitt her schlichte Kleider, welche durch Plisées und Biesen in den Vorderteilen und Transparenz in den Rückenteilen, doch sehr gewagt waren. Dagegen irritierten mich die transparenten Socken, welche mich eher an Stützstrümpfe erinnerten. Auch an den kastenförmigen Taschen, bei welchen die Hände in der Tasche verschwanden oder der Griff der Tasche sich gar auf der Unterseite dieser befand, konnte ich kein gutes Haar finden. Denn zweitere erinnerten mich eher an abgesägte Krücken.

Der Maestro übernimmt den Laufstegendspurt

Auf die Vorführungen folgte eine kurze Ansprache von Lisa Feldmann, der Annabelle-Chefredakteurin. Mehr als ihre Ansprache, interessierte aber wohl eher ihre Abendgarderobe, welche natürlich Teil der neusten Just Cavalli Kollektion war. Sexy, weiblich, ja richtig feurig, seien die neuen Teile, verkündete sie dem Publikum. In Anbetracht, dass der Meister persönlich hinter dem Vorhang auf seinen Auftritt wartete, war dieses Honig um den Mund schmieren, keine grosse Verwunderung für mich. Einige Minuten später räumte Lisa Feldmann das Feld für die herein stolzierenden Cavalli-Models.

Den Überblick auf dem Laufsteg zu bewahren wurde bald schwierig, denn es tummelten sich immer mehr Models darauf. Das Ganze glich eher einem Ameisenhaufen. Animalprints, tiefsitzende Hüfthosen, Gilets , Tuniken, transparente Blusen und kurze Kleider flogen durcheinander. Die vielen Bänder, Hüftgürtel, Tressen, Fransen, Federn, Ketten und das viele Leder verwandelte die Models in eine Mischung aus Cowgirl, Pokahontas und Trapperlady.

Alles in allem muss man sagen, Cavalli hat sich nicht neu erfunden, doch bleibt dafür ganz deutlich seiner Linie treu. Er bietet sexy, rockige, extravagante Mode für selbstsichere Frauen.  Ich finde sogar Teile darunter, die durchaus alltagstauglich sind.

  Tobender Applaus für Cavalli
                                          

Am Ende der Show zeigt sich der Maestro endlich selbst auf dem Laufsteg. Er dreht eine kleine Runde und das Publikum steht auf und beginnt zu applaudieren. Ich finde dies reichlich übertrieben, wenn nicht sogar peinlich und bleibe deshalb sitzen. Er ist schliesslich nicht der Papst und auch bei dem würde ich sitzen bleiben.  Nach seinem Rundgang betreten die Finalisten wieder die Bühne und Cavalli verkündet den Sieger des Awards. Mit den Worten: „ Das ist eines der wenigen Male, in denen ich mich für einen Mann entscheide“, geht er auf Maxime Rappaz zu und schüttelt dem, etwas verdutzt dreinschauenden Gewinner, die Hand. Alle Klatschen. Ich klatsche auch, ob aus Anstand oder aus Überzeug, in Rappaz auch einen Gewinne zu sehen, weiss ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich musste mir jedoch eingestehen, dass eine grosse Priese Extravaganz in diesem Business vielleicht trotz allem die einzige Überlebenschance bietet. Nicht durch alltagstaugliche Qualitätsware, sondern durch augenüberreizende Laufstegraritäten aufzufallen, ist immer noch leichter.

 
 
Gewinner Rappaz
                               

Da die Freude über den Sieg nun begossen werden musste und dies im intimen VIP-Rahmen geschieht, wurde das Ende der Show eingeläutet. Ich freute mich von Herr und Frau Ellbogenhieb Abschied nehmen zu können und bahne mir langsam den Weg ins Freie, um noch auf den Zug zu rennen, der in 15 Minuten abfahren würde. Allem in allem war es eine gelungene Show. Für meinen Geschmack fehlte zwar etwas der Glamour. Denn als Zuschauer wurde man nur in das Gebäude geschleust und wider hinaus. Viel Zeit um in die Modewelt einzutauchen und ihr wider zu entgleiten blieb nicht.  Auf jeden Fall freue ich mich auf die nächste Show und den Glamour suche ich vorübergehend zuhause bei glitzernden Adventslichtern.